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Chico Mello:

Amarelinha

Oder: wie kommen wir zu Musik, zum Klang, zum Leben, zur Sprache?

Anmerkungen

Was kann denn zwischen Klang und Bild passieren... den Bauch einfach reden lassen: Toda coisa muda ("Alle Dinge ändern sich") für einen Tänzer, einen Pianisten und einen Perkussionisten. Einiges ändert sich. Es bringt nichts, einen Text zu schreiben: Der Text muß mich zum Klang führen, der mich zum Bild führt, der wiederum zurück zum Klang und noch mal zum Text, der eine Lücke zwischen den Klischees der modernen Performance zu schaffen sucht. Eine Art Notwendigkeit empfinden oder einen außerordentlichen Zufall entstehen lassen. Nichts tun und dadurch zur Sache gelangen.

Die Musik, die für mich schön ist, entdeckt sich selbst, entsteht aus Stille, aus dem Schweigen. Wenn ich lange Zeit schweige, dann entsteht Musik. [1]

Einen Leitfaden haben? Tanzbare Teile? Das Herzpulsieren. Die Luft drumherum pulsieren lassen. Übersetzung von Codes? Eine Puls-Transplantation: Im Flügel befindet sich ein Bein. Es gibt einen Puls im Puls des Tänzers. Die Musiker haben Körper, Bewegungen.

Logik - ein Faden mit Gewißheit besetzt. Scharfe Spitze, die das Fleisch der Zwietracht durchdrängt: Es fließt lediglich mehr Blut. Wenn es das verwesene Fleisch einsticht, besteht die Möglichkeit, daß es wieder auflebt. Logik ist Syntax. Logik ist nicht Syntax. Adoptivtochter der Wahrheit.

Jetzt Nih Nik, Arbeitstitel: Eine Anspielung auf die, in langsamen Schritten, durchgeführte Zen-Meditation. Karneval-Zen-Zug-ähnlich. Beide kommen auf der Bühne in langsamen Schritten von hinten nach vorn. Der Perkussionist mit der kleinen "Streichholzschachtel-Trommel" in der Hand, der andere mit seiner Posaune. Ameisenschritte.

Musik stellt Ordnungsbeziehungen in der Zeit dar (...) Wir hören Veränderungen im Schallfeld: Stille-Ton oder Ton-Ton. Dabei können wir verschiedene große Zeitabstände zwischen Veränderungen unterscheiden. [2]

Es geht um Wiederholung, Gedächtnis, Homo- und Heterogenität beim Zusammennähen der Fragmente: Meine Liebe für das berauschende Durcheinander, das Feldman in mir verursacht, und für den Humor, die Abweichung oder Vielfältigkeit der Szenen, die Cage in mir hervorbringt. Vom Appetit Strawinskys für Akkorde mal abgesehen, der offen ist für den Zustand, indem die Beobachtung der Geschehnisse in jeder Sekunde die Kraft und Poesie des Zufalls festhält.

Manchmal bedeutet ein (solches) Tagewerk Abwarten. Strawinsky hat auf diese Weise gearbeitet. Strawinsky spricht über dieses Warten, und er wird wohl normalerweise rumgesessen und gewartet haben. Ich mache meinen Teppich sauber, lese Bücher über "Teppiche", räume das Haus auf, die ganze Zeit abwartend. [3]

Warten - Magentätigkeit. Den Körper mit zerfetzen Richtungen füllen und leeren. Ein loses Gehen in den Wegen der Zeit. Mit Abwesenheit verwandt. Verkürzter Epilog der Sehnsucht.

Statt Kontrapunkt Kontrafragmentierung. Aber auch die verschiedenen Zeiten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), die linear stattfinden - Paradox. Und der Zufall: Die plötzlichen Ideen-Fluchtlinien bemerken.

Ich arbeite mit dem Füllfederhalter, und das führt zu einem interessanten Phänomen: Denn wenn ich mit dem Füllfederhalter arbeite, ist immer alles durchgestrichen. Aber auf ein paar Seiten ist gar nichts durchgestrichen, das sind normalerweise die Seiten, auf denen eine kontinuierliche Abfolge da ist. Die Kontinuität stelle ich häufig später her. [3]

Elemente der "cultura popular" auf der gleichen Ebene wie die anderen Kulturen (gelehrten?, ernsten?) benutzen. Ent-Hierarchisierung und Organisation: Wichtig ist eher die Intensität oder Intimität mit meiner Herangehensweise.

Im Moment existieren weiterhin beide Musiksprachen (die populäre und die ernste),sie befinden sich im besten Gesundheitszustand und es scheint, daß sie noch lange leben werden. Viele von uns, (...), kämpfen seit geräumiger Zeit gegen diese Dualität der Sprachen, und es scheint mir, daß genau das gemacht werden soll. Ich persönlich bin der Meinung, daß es diese beiden Sprachen in der Gesellschaft der Zukunft nicht mehr geben wird. [4]

Ich wünschte es mir so sehr, daß meine Musik diese Qualität hätte, dass sie diesen idealen Isomorphismus zwischen der sogenannt ernsten und der "música popular" erreichen könnte! [5]

Was mein Schreiben am meisten bestimmt ist ein gewisses Wohlsein oder Unwohlsein des Solarplexus: Heute mit einem Übermaß an Kaffee und Tee zerstreut mich etwas Bitteres. Danach, die Flüchtigkeit beim Schauen und Hören, die sich mit dem Durcheinander der Sachen auf dem Tisch vor mir vermischt...

Bei Cézanne ist es immer die Art, wie er sieht und wodurch sein Denken bestimmt wird, während der moderne Künstler, auf der anderen Seiten, auf konzeptuellem Wege seine Wahrnehmung ändert. Mit anderen Worten, das Erlebnis ist jetzt, wie man denkt. [3]

Das Ergebnis von Toda coisa muda zu hören läßt mich glauben, daß es möglich ist, in einer Art Dämmerung zu arbeiten. Da fällt mir Beckett ein: Gedächtnis - wenn ich die letzten Blätter durchsehe, die ich geschrieben habe, dann ist es, um den Faden zu finden, der mir heute als Knäuel dient. Ich merke, daß ich nichts erfinde: Eher genieße ich das Gleiten und Ineinanderkreuzen der Ideen wie Seife in der Hand, als ich klein war und mit Cida in der Badewanne saß, damals in der Wohnung der Straße 24 de Maio: Eine Phebo-, Palmolive-, Lux-, oder Gessy-Seife. Der Duft, das Wasser, das Durcheinander der Beine und Tarcila, die uns zu waschen versuchte. Da erfand ich auch nichts. Versuchte auch nichts zu übersetzen.

Es wird gesagt (er erlaubte keine Fotos), daß Giacinto Scelsi in seiner Kindheit lange blonde Haare hatte und daß sie niemand kämmen durfte, denn diese Operation schmerzte ihn ungemein. Aber er liebte es, frei auf dem Klavier zu improvisieren und lauschte dabei versunken auf die Klänge. In diesen Momenten nahm er die Welt um sich nicht wahr und bemerkte es auch nicht, falls man ihn kämmte. Später lernte er die obligatorischen musikalischen Fächer, die konventionelle Art der Beziehung, die von der abendländische Welt zwischen den Klängen herstellt wird. Das hat ihn krankgemacht. Im Sanatorium beobachteten die Ärzte eine Neigung, die sofort als Verschlechterung seines Krankheitsbildes gesehen wurde: Er saß stundenlang am Klavier und hörte dem Verklingen eines angeschlagenen Tons nach. Das war seine eigentliche Heilung und die unumkehrbare Entdeckung des Gegenteils von allem was Komponieren genannt wird, in anderen Worten, die Zusammensetzung von vielen Tönen: Mit einem einzigen Ton kann eine komplexe Form entstehen - Dissolution statt Komposition. [6]

Klänge um den Hörer zu fesseln? Still bleiben. Kunst = Leben? Kunst = psychisches Leben = Romantismus?

Meine Haltung war schon immer die, meiner Intuition ganz und gar zu folgen, und mich dabei nicht um den Hörer zu kümmern, denn wer dem Hörer gefallen will, muss sich entscheiden, welchem Hörer er gefallen will. [7]

Cláudio Santoro hat mich eines Tages gewarnt, daß es nicht gut sei, an einem schönen Ort zu wohnen, am Meer. Das würde von der Arbeit abhalten. Tatsächlich habe ich nicht nur sehr spät angefangen zu studieren, sondern meine musikalischen Fortschritte wären langsamer, denn ich musste an den Strand gehen (...) Mir ist klar, daß ich mich als einen Bankangestellten definieren kann. Gott sei Dank bin ich ein Amateur. Mein Reich ist nicht das der Profis. Ich liebe die Kunst, das ist etwas anderes. [5]

Materialien und Wahrnehmung. Materialien und "Logiken". Materialien und Drogen. Homo- oder Heterogenität. Ein Supermarkt von Materialien und "Logiken" und Zuneigungen und Mystiken. Konzert ist der Ort, an dem der Sieg der Künstlichkeit gefeiert wird. Kultursubventionen stützen Mafias des großen Wohlergehens, das von der Kunst bei den Menschen hervorgerufen wird, die zu einer raffinierteren Wahrnehmung geführt werden wollen. Gott Kunst. Mit aller List und dem gutem Geschmack der Künstler.

Eine andere Maskierung für das Streben nach Wissen war allzu oft das Streben nach Kunst. Nur ein anderer Versuch, den Himmel mit Hilfe von Fakten zu erreichen. Seit dem Turmbau zu Babel ist dieser Versuch immer wieder gescheitert. Man kann den Himmel durch das Wissen nicht erreichen, man kann ihn nicht durch Glauben erreichen. [3]

Ein großer, schlanker Mann mit starkem Ausdruck. Xenakis ist schon fast oder bereits siebzig. Öfters sprach er über die Zeit, wie sie vergeht, über den "Abschied" von dieser Welt, aber auch sehr prägnant und in voller Aktivität: "Komponieren heißt lernen den Sphinkter zwischen Bewußtsein und Unbewusstsein zu öffnen".

Ein System muß jederzeit fähig sein, sich aufzulösen; der einzige wirklich vernünftige Weg, Musik zu machen, ist zu vergessen, was du gerade gemacht hast in dem selben Moment, in dem du es gemacht hast. [8]

Julio Estrada erinnert, daß für Freud die Musik eine anale Tätigkeit war. Darüber habe ich noch nichts gelesen. Vielleicht daher die zwanghaften Züge der Musiker?

Wer bin ich? Was mache ich hier? Die Teile, die das Zensieren im Geist übernehmen, haben in den Antworten dieser Fragen eine wichtige Funktion. Aber, manchmal entstehen Momente, in denen das Aufheben der Zensur, eine Art kontrollierter Wahnsinn, von mehr Nutzen sein kann. [8]

1. Muß Musik denn überraschen? Denkt Tom Johnson, die Musik auf traditionellen Art zu verstehen? Er bevorzugt Symmetrie und Vorhersehbarkeiten - wenn sie klingt, ist die vorhersehbare Struktur nicht mehr so vorhersehbar: Die mathematische Vorhersehbarkeit ist anders als die psychoakustische Vorhersehbarkeit.

2. "Papar moscas" (wörtlich: Fliegen fressen) - Cortázar in Bezug auf den kreativen Zustand, der analog, aber gegensätzlich ist zu dem, der Konzentration genannt wird.

3. Wie lange soll ein Ton leben? Warum fortfahren? Warum aufhören? Weshalb sich das fragen?

Die viele Versuche, Musik zu definieren (...) Aber sie läßt sich nicht fassen, weil sie Luft ist, wie stark auch ihre Schwingungen sogar körperlich spürbar sind. Indem sie sich ausdehnt in Zeit und Raum, transzendiert sie fast naturgemäß immer noch selbst den geglücktesten Begriff. Als die vergänglichste der Künste verschwindet sie auch in Zeit und Raum und bleibt doch noch im fernsten längst unerhörbaren Echo erhalten - als Mysterium. [9]

Vor zwei Tagen kam ich aus Indien an. Ich habe "Dhrupad" gehört, den ältesten Stil der klassischen Musik des Nordens. Der Fluss der Töne, weitergegeben von den alten Lautsprechern an den Straßen. Der Fluss Ganges.

Singen - Klang abgeben. Vom organlosen Körper (Artaud, Deleuze) abgegeben werden. Abwarten, bis Wasser vom Gesicht herunter läuft und so die Leere des Körpers zeigt und gleichzeit füllt. Die Haut von Innen nach Außen streicheln: Die Schleimhäute wiegen. Den eigenen Atem riechen.

Wenig konstruktivistische Spinnerei. Das Einfache am Klang. Der Körper schwingt. Singen mit der Tambura, die ich in Delhi gekauft habe, ist eine Erfahrung, die mich in eine Art "Ton-Rad" versetzt. Ich würde gern diesen Zustand in dieses Trio (Klavier, Geige, Cello) einbringen. Einfaches Kreisen. Wie zwei Körper kreisen, während sie sich lieben. Auch bei der Anwendung der Tala (rhythmischer Zyklus) ist die indische Musik rund. Der alte Tänzer mit den weit geöffneten Augen fällt mir ein: Er tanzte mit wenigen Bewegungen und, als die Bewegungen zunahmen, kreiste er einige Male bevor er im "sam" verfiel (starke Zeit des Zyklus). Ein Kreis oder eine Spirale?

Ein Komponist kann nicht einfach ein Lied singen. Es gibt keine Beatnik- oder Hippiekomposition. Die meisten Kompositionstendenzen in diesem Jahrhundert haben etwas Gemeinsames: Alle beziehen sich auf Systeme außerhalb des Geistes. Wir haben es noch nicht geschafft, mit uns selbst zu kommunizieren. [8]

Es kann ein großer Irrtum sein, was ich sagen werde: Manchmal fühle ich mich wie ein Pop-Komponist, der sich dazu entschlossen hat, ernste Musik zu machen. [5]

Ein Komponist ist wie ein Musikinstrument. Er muss sein Instrument in Ordnung halten. Er muss es immer sauber halten, so das es immer gut klingt. Das ist die einzige Frage, nicht nur für Künstler, sondern auch für alle anderen Menschen. Wenn es nicht so geht, hat es keinen Zweck mit den Konservatorium, mit einer Revolution. [1]

Was bestimmend bleibt, wie immer, ist das formale Modell, dem niemand entkommt: Das Behältnis lässt Spuren, Narben am Inhalt. Wenn ich schon gearbeitet habe, ohne a priori an sie zu denken - jetzt sehe ich mich dazu gezwungen, daran zu denken. Weil in diesem Stück (für Opern- und indischen Gesang, Klavier, Tampura und Tabla) das Vorhandensein geschlossener Grammatiken, der Singstile und -gewohnheiten, so stark definiert und markiert ist. Genau das und der Wunsch, mit ihnen als Organe und nicht als Zellen zu arbeiten, drängt mich, von innen nach außen zu denken. Aber langsam mache ich die Schale dieser Grammatiken dünner: Der gemeinsame Punkt ist in Sicht, ein einfaches Boot, wo sie fast ohne klare Identität, nur Materie sind: der Klang, der vor der Grammatik da war, der sich mit dem plötzlichen Eintreten der Grammatik abwechselt.

Grammatik - Beziehungsnetz, das gegen die Angst schützt. Von innen heraus bleibt die Wahrnehmung bedingt durch die Assoziationen, die sie zuläßt. Es ist schwierig, sie von außen zu beobachten, denn jede Beobachtung ist bereits Grammatik. Feindin der Zeit: Um sie zu erreichen, ist eine Bewegung aus dem Inneren der Grammatik heraus nötig, die in zentrifugaler Richtung die Angst durchbohrt und dadurch die Zeit - das Wasser in dem Grammatik und Angst treiben - erreicht.

© 1996, Chico Mello

In: Zeitschrift Positionen Nr.29, Berlin 1996

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