historia
 
 

Brasilianische Manifeste II

Gruppe Música Viva
Manifest 1946

Grundsatzerklärung

Als Übertragung von Ideen und Gefühlen in die Sprache der Töne, ist Musik ein Ausdrucksmittel und somit ein Produkt des sozialen Lebens.

Die musikalische Kunst bildet wie alle anderen Künste einen Überbau zu den Verhältnissen, deren Struktur rein materieller Natur ist.

Die musikalische Kunst ist die Widerspiegelung des Wesentlichen in der Realität.

Das intellektuelle Schaffen, das sich der Mittel des künstlerischen Ausdrucks bedient, ist eine Funktion der materiellen Produktion und unterliegt deshalb wie diese einer ständigen Veränderung, also dem Gesetz der Evolution.

Musik ist Bewegung.

Musik ist Leben.

"MÚSICA VIVA", die diese Tatsachen anerkennt, kämpft für die Musik, die das ewig Neue offenbart, d.h. für eine musikalische Kunst, die der wirkliche Ausdruck einer Epoche und der Gesellschaft ist.

"MÚSICA  VIVA" widerlegt die akademische Kunst, Negation der wahren.

"MÚSICA  VIVA", die diesem Grundsatz gehorcht, unterstützt alles, was Entstehen und Wachstum des Neuen fördert. Sie entscheidet sich also für die Revolution und gegen die Reaktion.

"MÚSICA VIVA" stellt fest, dass der Künstler ein Resultat seiner Umwelt ist und dass die Kunst erst blühen kann, wenn die Produktivkräfte einen gewissen Entwicklungsgrad erreicht  haben. Deshalb wird die Gruppe jede Initiative unterstützen, die über die künstlerische Erziehung hinaus auch eine ideologische anstrebt, denn es gibt keine Kunst ohne Ideologie.

"MÚSICA VIVA" stellt fest, dass die Technik der Musik und der musikalischen Konstruktion von der materiellen Produktion abhängt. Deshalb schlägt sie vor, die musiktheoretische Ausbildung, die auf ästhetischen, zu Dogmen verfestigten Vorurteilen beruht, durch eine wissenschaftliche Ausbildung zu ersetzen, die sich auf Studien und Untersuchungen über die akustischen Gesetze abstützt. Sie wird alle Initiativen zugunsten einer künstlerischen Nutzung der radioelektrischen Geräte unterstützen.

"MÚSICA VIVA" wird die Entstehung neuer musikalischer Formen anregen, die den neuen Ideen entsprechen und sich in einer kontrapunktisch-harmonischen, auf einem diatonischen Chromatismus gegründeten Musiksprache ausdrücken.

"MÚSICA VIVA" lehnt gleichzeitig den Formalismus ab, das heißt eine Kunst, bei der sich die Form verselbständigt. Denn die Form des authentischen Kunstwerkes entspricht dem in ihm dargestellten Inhalt.

"MÚSICA VIVA" stellt fest, dass die Tendenz des „l'art pour l'art" in unauflösbarem Widerspruch zum sozialen Umfeld steht. Die Gruppe kämpft für das Konzept einer Brauchbarkeit von Kunst, das heißt, sie ist der Auffassung, dass den Kunstwerken eine Bedeutung in Bezug auf die Entwicklung der Gesellschaft und deren Überbau zukommt.

"MÚSICA VIVA" übernimmt die Prinzipien der Aktionskunst und gibt das Ideal der Schönheit als ausschließlichem Ziel der Kunst auf; denn jede Kunst in unserer Epoche, die nicht direkt auf dem Gebrauchsprinzip beruht, wird von der Wirklichkeit abgeschnitten sein.

"MÚSICA VIVA" glaubt an die Macht der Musik als substantielle Sprache, als Etappe in der künstlerischen Entwicklung eines Volkes und bekämpft andererseits den falschen Nationalismus in der Musik, also denjenigen, der nationalistische Überlegenheitsgefühle begünstigt und der die egozentrischen und individualistischen Tendenzen fördert, die die Menschen voneinander trennen und zersetzende Kräfte freisetzen.

"MÚSICA VIVA" glaubt an die sozialisierende Funktion der Kunst, die darin besteht, die Menschen zu vereinen, sie menschlicher und universeller werden zu lassen.

"MÚSICA VIVA" erkennt die soziale und künstlerische Bedeutung der Popularmusik, und sie wird jede Initiative unterstützen, die zur Entstehung und Verbreitung guter Popularmusik beiträgt: Die Produktion von Werken, die der künstlerisch-sozialen Erziehung des Volkes im Wege stehen, wird sie dagegen bekämpfen.

"MÚSICA VIVA" weiß, dass die Entwicklung der Künste auch von der Zusammenarbeit der Künstler mit den beruflichen Organisationen abhängt. Auch weiß sie, dass die Kunst nur blühen kann, wenn das kollektive künstlerische Niveau einen bestimmten Grad der Entwicklung erreicht hat. Daher wird sie alle Initiativen zur Förderung der professionellen künstlerischen Zusammenarbeit unterstützen, ebenso alle Initiativen, die eine Sensibilisierung befördern und dazu beitragen, sich in der Welt zurechtzufinden.

Die Gruppe "MÚSICA VIVA", die sich der Aufgabe der zeitgenössischen Kunst gegenüber der menschlichen Gesellschaft bewusst ist, begleitet die Gegenwart auf ihrem Weg der Entdeckung und der Eroberung. Sie kämpft für die neuen Ideen einer neuen Welt, sie glaubt an die schöpferische Kraft des menschlichen Geistes und an die Kunst der Zukunft.

1. November 1946.

Heitor Alimonda, Egídio de Castro e Silva, Guerra Peixe, Eunice Katunda, Hans-Joachim Koellreutter, Edino Krieger, Gení Marcondes, Santino Parpinelli, Cláudio Santoro.

In: Carlos Kater: Música Viva e H. J. Koellreutter. Movimentos em direção à modernidade. Musa Música - Atravez, São Paulo, 2001.

 

Übersetzung aus dem Spanischen von Hans Kupfer.
Die kursiv gesetzten Wörter sind im Original unterstrichen.

Português
Español

Einführung
Manifest I: Gruppe Música Viva, 1944
Manifest II: Gruppe Música Viva, 1946
Manifest III: Música Nova, 1963
Manifest IV: Compositores de Bahia, 1966
 

oben
 
historia