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Brasilianische Manifeste III

música nova
Manifest 1963

neue musik:

vollständiges engagement für die heutige welt:

innere entwicklung der musiksprache (impressionismus, polytonalismus, atonalismus, experimentelle musikformen, serialismus, tonmechanische und elektroakustische prozesse jeder art), mit dem beitrag von debussy, ravel, strawinsky, schoenberg, webern, varèse, messiaen, schaeffer, cage, boulez, stockhausen.

aktuelle etappe der künste: konkretismus: 1. als verallgemeinerte haltung gegenüber dem Idealismus; 2. als kreativer, von konkreten gegebenheiten ausgehender prozess; 3. als überwindung des alten gegensatzes materie-form; 4. als ergebnis von mindestens sechzig jahren arbeit, die mit dem konstruktivismus verbunden ist (klee, kandinsky, mondrian, van doesburg, suprematismus und konstruktivismus, max bill, mallarmé, eisenstein, joyce, pound, cummings) - parallel dazu unterbringung von extramorphologischen sinnlich wahrnehmbaren elementen: konkretisierung im informellen.

neubewertung der informationsmedien: bedeutung des kinos, des industriellen designs, der telekommunikation, der maschine als instrument und als objekt: kybernetik (globale untersuchung des systems im hinblick auf sein verhalten).

kommunikation: mittel der psychophysiologie der wahrnehmung mit hilfe der anderen wissenschaften und, in letzter zeit, der informationstheorie.

genaue standortbestimmung des realismus: real = globaler mensch; die entfremdung liegt im widerspruch zwischen der realen situation des ganzen menschen und seiner eigener erkenntnis der welt. die musik kann nicht ihre eigenen errungenschaften preisgeben, um sich auf das niveau der entfremdung zu begeben, die gelöst werden muss, aber dies ist ein psycho-sozio-politisch-kulturelles problem.

nichteuklidische geometrie, nichtnewtonsche mechanik, relativität, quantentheorie, (stochastische) wahrscheinlichkeit, mehrwertige logik, kybernetik: aspekte einer neuen realität.

bestandsaufnahme der musikalischen vergangenheit, auf der grundlage neuer menschlicher erkenntnisse (topologie, statistik, computer und alle adäquaten wissenschaften) und jener Elemente der vergangenheit, die einen beitrag zu den heutigen problemen bilden. 

als folge eines neuen begriffs von kollektivem schaffen/ausführen, ergebnis einer programmierung (bzw. eines projektes oder eines schriftlichen plans): verwandlung der beziehungen in der musikalischen praxis durch die beseitigung der romantischen reste bei  individuellen zuschreibungen und äußeren formen des schaffens, die sich in einer überwundenen idealistischen weltanschauung spiegelten (außermusikalische elemente: "verführung" durch dirigenten, solisten und komponisten, ihre laufbahnen, ihr publikum - schliesslich der mythos der persönlichkeit -). reduzierung auf rationale, später technische schemata jeder kommunikation zwischen musikern. musik: kollektive kunst par excellence, sowohl bei der produktion als auch beim konsum.

musikerziehung: den lernenden mit dem aktuellen stand der musiksprache vertraut machen. liquidierung der ausbildungsprozesse und bestandsaufnahme der wissenschaftlichen methoden der pädagogik und der didaktik. erziehung nicht als vermittlung von kenntnissen, sondern als integration in die forschung.

endgültige überwindung der frequenz (tonhöhe) als einzig wichtiges element des klangs. klang: komplexes hörphänomen, in das auch natur und mensch involviert sind. neue musik: suche einer direkten sprache mit nutzung der verschiedenen aspekte von wirklichkeit (physikalische, physiologische, psychologische, soziale, politische, kulturelle) einschließlich der maschinen. ausdehnung auf die objektive welt des kreativen prozesses (unbestimmtheit, berücksichtigung von aleatorischen elementen, kontrollierter zufall). neuformulierung der strukturellen frage: das deduktiv-logische gebäude der traditionellen organisation (mikrostruktur: zelle, motive, phrase, halbperiode, periode, thema; makrostruktur: verschiedene tänze, rondo, variationen, invention, suite, sonate, sinfonie, divertimento usw. ... die sogenannten "stile": fugenartig, kontrapunktisch, harmonisch sowie auch dadurch betroffene begriffe und regeln: kadenz, modulation, verkettung, verkürzung, betonung, reim, metrik, verschiedene symmetrien, phrasierung, durchführung, dynamik, dauer, klangfarbe usw.) muss ersetzt werden durch einen neuen analogisch-synthetischen standpunkt, der die neue dialektische sicht des menschen und der welt widerspiegelt: dynamisch aufgefasste konstruktion, die den kreativen prozess einbezieht (siehe den begriff des isomorphismus im "pilotplan der konkreten poesie" der gruppe noigandres).

ausarbeitung einer "affektenlehre" (musikalische semantik) angesichts der neuen bedingungen des begriffspaares schaffen-konsum (musik im rundfunk, im fernsehen, im sprechtheater, im film, im reklame-jingle, am marktstand, an der verstärkeranlage zuhause, im alltagsleben des menschen), unter beibehaltung eines gleichgewichts zwischen semantischer und ästhetischer information. realitätsbezogene handlung als "block": für eine teilnehmende kunst.

brasilianische kultur: tradition der internationalistischen aktualisierung (zum beispiel: heutiger stand der bildenden künste, der architektur, der poesie), trotz der wirtschaftlichen unterentwicklung, der rückständigen agrarstruktur und der halbkolonialen unterordnung. teilnahme bedeutet, die kultur von diesen (infrastrukturellen) hindernissen und ideologisch-kulturellen überbauten zu befreien, in denen sich eine unvermittelte kulturelle vergangenheit bewahrt hat, die der globalen (und damit auch lokalen) realität fremd gegenüber steht und für die vom menschen erreichte beherrschung der natur unempfänglich ist.

majakowski: ohne revolutionäre form gibt es keine revolutionäre kunst.

säo paulo, märz 1963

damiano cozzella
rogério duprat
régis duprat
sandino hohagen
júlio medaglia
gilberto mendes
willy correia de oliveira
alexandre pascoal

 

In: Revista Musical Chilena, año XVII, Nº 86, octubre-diciembre de 1963.
Übersetzung aus dem Spanischen von Hans Kupfer.

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Einführung
Manifest I: Gruppe Música Viva, 1944
Manifest II: Gruppe Música Viva, 1946
Manifest III: Música Nova, 1963
Manifest IV: Compositores de Bahia, 1966

 

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